Alltag
Die erste Woche mit dem gekauften Auto
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Die Übergabe ist der Moment, den alle vorbereiten. Die Woche danach bereitet niemand vor — dabei entscheidet sie darüber, ob aus einem unbekannten Auto ein bekanntes wird oder ein Fahrzeug, das man drei Jahre lang nur vom Fahren kennt.
Warum die erste Woche eine eigene Aufgabe ist
Zwei Dinge sind in dieser Woche günstiger als je wieder. Das eine ist ein Mangel: Je kürzer das Fahrzeug bei dir steht, desto eher lässt sich belegen, dass er schon vorher da war, und desto weniger Diskussion gibt es darüber, wer ihn verursacht hat. Das andere ist ein Verschleissteil: Eine Bremse, die man findet, bevor man zweitausend Kilometer darauf gefahren ist, ist eine Bremse und kein Bremsenschaden.
Dazu kommt ein dritter Punkt, der nichts mit Geld zu tun hat. Du hast nicht nur ein Auto übernommen, sondern auch die Wartungsentscheidungen eines fremden Menschen — welches Öl er gefahren hat, welchen Posten er verschoben hat, welches Geräusch er sich angewöhnt hat zu überhören. Diese Entscheidungen wirken weiter, und sie stehen nirgends zusammengefasst.
Die Woche hat deshalb vier Aufgaben: die Papiere in Ordnung bringen, feststellen, was überhaupt zum Fahrzeug gehört, einen Nullpunkt messen, und die Unterlagen lesen. Alles vier zusammen dauert einen Abend und einen Samstagvormittag.
Zuerst die Papiere: Zulassung, Versicherung, Halterwechsel
Der Ablauf unterscheidet sich von Land zu Land und innerhalb eines Landes oft von Kanton zu Kanton oder von Zulassungsstelle zu Zulassungsstelle: Wer meldet ab, wer meldet an, in welcher Reihenfolge, mit welchen Dokumenten und mit welchem Versicherungsnachweis. Verbindlich ist immer die Stelle, die das Fahrzeug einträgt — nicht das, was der Verkäufer erzählt hat, und auch nicht das, was beim letzten Auto galt.
Der Punkt, an dem es teuer werden kann, ist die Deckungslücke. Zwischen dem Moment, in dem das Fahrzeug dir gehört, und dem Moment, in dem eine gültige Haftpflicht darauf läuft, darf keine Sekunde liegen, in der es sich auf einer öffentlichen Strasse bewegt. Kläre vor der Übergabe, auf welchem Weg die Deckung zustande kommt, und lass dir bestätigen, ab wann sie greift.
Danach gehört alles an einen Ort: Kaufvertrag, Zulassungsunterlagen, Versicherungspolice, Serviceheft, Rechnungen, die Prüfberichte. Ein Ordner, physisch oder als Fotos in einem Ablageordner auf dem Telefon. Der Aufwand ist zwanzig Minuten, und er zahlt sich beim Verkauf in barer Münze aus — Unterlagen, die beim Termin auf dem Tisch liegen, bewegen einen Preis; Unterlagen, die man nachreichen will, nicht.
Was tatsächlich im Auto liegt
Ein Gebrauchtwagen kommt selten vollständig. Das Fehlende fällt nicht auf, solange nichts passiert, und wird genau in dem Moment teuer, in dem etwas passiert. Räum das Fahrzeug einmal komplett aus — Kofferraumboden, Seitenfächer, Werkzeugkasten, Handschuhfach, Unterflurfächer — und leg alles auf einen Tisch.
Den Zweitschlüssel prüfst du nicht, indem du ihn ansiehst, sondern indem du damit aufschliesst, abschliesst und den Motor startest. Bei einem Funkschlüssel gehört die Batterie dazu, und der mechanische Notschlüssel im Gehäuse gehört auch dazu. Ein Schlüssel, der nur aussieht wie ein Schlüssel, ist beim nächsten Verlust ein Werkstatttermin mit Programmierung.
- Beide Schlüssel, jeder einmal vollständig benutzt — auf- und zuschliessen, starten, Fenster und Heckklappe bedienen.
- Der Schlüssel für die Felgenschlossmutter. Ohne ihn kommt kein Rad ab, auch nicht am Pannenstreifen.
- Wagenheber, Radschlüssel und entweder ein Reserverad oder ein Pannenset — und beim Pannenset das Ablaufdatum der Dichtmittelflasche.
- Die Abschleppöse. Sie ist bei modernen Fahrzeugen ein einschraubbares Teil und liegt an einem bestimmten Ort; such sie, solange du im Trockenen stehst.
- Bordbuch, Laderaumabdeckung, Zurrösen, Netz, Gummimatten, Dachträgerfüsse — alles, was im Inserat abgebildet war.
Der Nullpunkt: messen, bevor du fährst
Ein Nullpunkt ist keine Inspektion, sondern eine Momentaufnahme, gegen die du später vergleichst. Sie besteht aus Zahlen, die du selbst erhebst, und aus einem Datum. Ohne sie weisst du in einem halben Jahr nicht, ob der Ölstand gesunken ist oder schon immer dort stand.
Der Reifendruck wird kalt gemessen, also bevor das Fahrzeug gefahren ist, und gegen den Wert verglichen, der auf dem Fahrzeug selbst steht — auf dem Aufkleber in der Fahrertür, im Tankdeckel oder im Handschuhfach. Dort steht meistens auch ein zweiter, höherer Wert für die volle Beladung. Diese Angabe gehört zum Fahrzeug und nicht in einen Ratgeber; jedes Modell hat seine eigene.
Die Profiltiefe misst du an jedem Reifen an mehreren Stellen über die Breite, ausdrücklich auch an der inneren Schulter. Genau dort verschleisst ein Reifen zuerst, wenn die Spur nicht stimmt, und genau dort sieht man es nicht, wenn man nur von aussen hinschaut. Notiere vier Werte, nicht einen.
- Kilometerstand und Datum — die Bezugsgrösse für alles Weitere.
- Ölstand am kalten Motor auf ebenem Boden, und die Farbe des Öls am Messstab.
- Kühlmittel, Bremsflüssigkeit und Scheibenwasser im Ausgleichsbehälter, jeweils zwischen den Markierungen.
- Alle Lampen, während jemand aussen um das Fahrzeug geht: Abblendlicht, Fernlicht, Blinker, Bremslicht, drittes Bremslicht, Rückfahrlicht, Nebelschlussleuchte, Kennzeichenbeleuchtung.
- Der Fehlerspeicher, einmal ausgelesen, auch wenn keine Lampe brennt. Gespeicherte Einträge ohne Warnleuchte sind der Normalfall, nicht die Ausnahme.
Die erste längere Fahrt ist eine Diagnose
Plane in der ersten Woche eine Fahrt ein, die lang genug ist, dass alles warm wird — Motor, Getriebe, Differenzial, Abgasanlage. Eine Runde zum Einkaufen erreicht das nicht. Fahr sie ohne Radio, mit offenem Fenster bei niedriger Geschwindigkeit, und behandle jedes Geräusch als Information statt als Ärgernis.
Auf der gerade verlaufenden Strasse nimmst du kurz die Hände vom Lenkrad und siehst, wohin das Fahrzeug zieht — eine Strasse hat Querneigung, ein leichter Zug nach rechts ist deshalb nicht automatisch ein Befund. Ein deutlicher Zug ist einer. Ein Vibrieren, das bei einer bestimmten Geschwindigkeit kommt und darüber wieder verschwindet, ist eine Unwucht; eines, das mit der Geschwindigkeit zunimmt, ist es nicht.
Brems aus höherer Geschwindigkeit einmal kräftig, auf leerer Strasse, mit Blick in den Rückspiegel. Du prüfst dreierlei: ob das Fahrzeug geradeaus bleibt, ob das Pedal pulsiert, und ob der Weg bis zum Druckpunkt sich verändert, wenn du zweimal hintereinander bremst. Danach die Handbremse an einer Steigung, mit eingelegtem Gang als Absicherung.
Die Historie lesen, die du übernommen hast
Setz dich einen Abend mit Serviceheft und Rechnungen hin und bau daraus zwei Listen. Die erste: Was wurde wann und bei welchem Kilometerstand gemacht. Die zweite, und sie ist die wichtigere: Was kommt in den Unterlagen nie vor.
Die Posten, die in einer Historie typischerweise fehlen, sind die, die nach Zeit und nicht nach Kilometern fällig werden und die niemand bemerkt, solange sie ausbleiben: Bremsflüssigkeit, Kühlmittel, Getriebeöl bei Automaten, das Öl einer Lamellenkupplung im Allradstrang, das Differenzialöl, der Innenraumfilter. Keiner davon meldet sich, bevor er sich meldet.
Aus beiden Listen wird ein Plan für zwölf Monate: was sicher fällig ist, was wahrscheinlich fällig ist, und was man beim nächsten Werkstattbesuch prüfen lässt, weil die Unterlagen schweigen. Dieser Plan ist der Unterschied zwischen einer Reparatur, die überrascht, und einem Posten, für den man die Zeit hat, zwei Offerten zu vergleichen.
Wenn in der ersten Woche etwas auftaucht
Der häufigste und teuerste Fehler ist die Reihenfolge: reparieren lassen, die Rechnung bezahlen und sich danach beim Verkäufer melden. Wer so vorgeht, hat den Beweis beseitigt, bevor irgendjemand ihn gesehen hat, und verhandelt anschliessend über eine Behauptung.
Die Reihenfolge, die trägt, ist eine andere. Dokumentieren — Fotos, Datum, Kilometerstand, eine Beschreibung des Symptoms in eigenen Worten, kein Urteil über die Ursache. Dann schriftlich beim Verkäufer melden, sachlich, mit der Bitte um Rückmeldung bis zu einem genannten Datum. Erst dann eine Diagnose einholen, und zwar schriftlich, bevor jemand etwas ausbaut.
Welche Rechte du dabei hast, hängt davon ab, ob privat oder gewerblich verkauft wurde, in welchem Land der Vertrag geschlossen wurde und was im Vertrag steht. Das ist kein Nebensatz, sondern die ganze Frage — und sie wird von der jeweiligen Rechtsordnung beantwortet, nicht vom Verkäufer und nicht von einem Ratgeber. Die Dokumentation aus dem ersten Schritt nützt in jeder dieser Varianten.
Die Gewohnheiten, die danach greifen
Nach der ersten Woche braucht ein Auto wenig, aber regelmässig. Einmal im Monat der Reifendruck am kalten Fahrzeug und ein Blick rundum, einmal im Quartal der Ölstand, einmal im Jahr eine ehrliche Bestandsaufnahme der Bremsen. Das ist keine Pflege, sondern Buchhaltung: Du hältst fest, wie sich die Zahlen gegenüber dem Nullpunkt bewegt haben.
Jede Rechnung wandert in denselben Ordner, sofort und nicht am Jahresende. Wer verkauft, verkauft am Ende diesen Ordner mit — und ein Käufer glaubt einem Stapel Rechnungen mehr als jedem Satz im Inserat. Der Stapel entsteht nicht rückwirkend.