Elektro
Laden am Ziel: Steckdose, Hotel, Campingplatz
10 Min. Lesezeit
Ein Fahrzeug steht die meiste Zeit. Wer diese Stunden nutzt, braucht unterwegs kaum eine Schnellladesäule — vorausgesetzt, er weiss vorher, was am Ziel tatsächlich hängt.
Stunden schlagen Kilowatt
Die geladene Energie ist Leistung mal Zeit. Diese Multiplikation wird unterschätzt, weil Leistung auf dem Display steht und Zeit nicht. Eine bescheidene Verbindung, die zwölf Stunden lang arbeitet, liefert mehr als eine starke Säule in einer Kaffeepause — und sie liefert es, während niemand daneben wartet.
Daraus folgt die Reihenfolge für jede Reise: zuerst klären, wo geschlafen wird und ob dort Strom ist; danach die Strecke planen. Wer es umgekehrt macht, baut eine Reise aus Ladestopps und wundert sich, dass sie anstrengend ist.
Der zweite Vorteil ist technischer Natur. Eine kleine Ladeleistung bedeutet eine kleine C-Rate, wenig Abwärme und ein Ladefenster, das man frei wählen kann — inklusive der Möglichkeit, unterhalb der obersten Prozente zu bleiben. Das ist die schonendste Behandlung, die eine Batterie auf Reisen bekommen kann.
Steckdose ist nicht gleich Steckdose
In weiten Teilen Europas liegen dieselbe Spannung und dieselbe Frequenz an. Die Form der Haushaltssteckdose ist trotzdem nicht überall dieselbe: Die Schweiz hat ein eigenes System mit versetzten Kontakten, Frankreich und Belgien arbeiten mit einem Erdungsstift statt mit seitlichen Bügeln, Italien kennt mehrere Durchmesser nebeneinander, und Dänemark, Irland und das Vereinigte Königreich haben jeweils eine weitere Bauform. Der Reiseadapter aus dem Kulturbeutel ist dafür nicht gedacht.
Der Unterschied ist nicht die Form, sondern die Dauerlast. Ein Adapter für ein Ladegerät zieht ein Zehntel dessen, was ein Notladekabel über Stunden zieht. Billige Reiseadapter haben kleine Kontaktflächen und federnde Blechkontakte; unter Dauerlast werden sie warm, und warm ist die Vorstufe von verschmort. Wer im Ausland an der Haushaltssteckdose lädt, braucht einen Adapter, der für den Dauerstrom des Ladekabels ausgelegt und entsprechend gekennzeichnet ist.
Dazu kommt, was hinter der Dose liegt, und das sieht man ihr nicht an. In älteren Gebäuden hängen mehrere Räume an einem Stromkreis, Klemmen sind über Jahrzehnte gealtert, und ein Fehlerstromschutzschalter fehlt mancherorts ganz oder ist nicht von der Art, die ein Fahrzeug mit Gleichstromzwischenkreis verlangt. Die Erlaubnis des Vermieters ist keine Beurteilung der Installation.
Der Industriesteckverbinder ist die bessere Antwort
Auf Campingplätzen, in Werkstätten, auf Höfen und in vielen Tiefgaragen hängt eine blaue oder rote Industriedose. Blau führt eine Phase, rot drei. Beide sind für Dauerlast gebaut, haben grosse runde Kontakte, eine Verriegelung und eine Dichtung — genau die Eigenschaften, die einer Haushaltssteckdose fehlen. Wo eine solche Dose vorhanden ist, ist sie der Haushaltssteckdose in jeder Hinsicht vorzuziehen.
Die Stromstärke steht auf der Dose selbst, und sie sagt, was zulässig ist — nicht, was hinten am Verteiler tatsächlich abgesichert ist. Auf einem Campingplatz ist die Absicherung je Standplatz oft deutlich kleiner als die Bauform vermuten lässt, weil der ganze Platz an einer gemeinsamen Zuleitung hängt. Deshalb gehört die Frage nach der Absicherung zur Anmeldung, nicht zum Abendessen.
Für das Notladekabel gibt es Adaptervorsätze auf beide Bauformen. Sie sind der sinnvollste Teil der Reiseausrüstung, weil sie aus einer improvisierten Lösung eine ordentliche machen. Was sie nicht können: die Leistung erhöhen. Der Onboard-Lader bleibt die Grenze, und an einer einphasigen blauen Dose lädt auch ein dreiphasig ausgelegtes Fahrzeug einphasig.
Das Hotel: die Frage, die man stellt
«Haben Sie Ladestationen?» ist die falsche Frage, weil die Antwort fast immer ja lautet und fast nie das bedeutet, was der Gast meint. Ein Haus mit hundert Zimmern und zwei Ladepunkten hat Ladestationen. Was wissen muss, wer am Abend ankommt, ist etwas anderes.
Brauchbar sind die Fragen, die eine Zahl oder ein klares Nein erzwingen. Wie viele Punkte, welcher Anschluss, Wechsel- oder Gleichstrom, reserviert oder nicht, hinter einer Schranke oder frei zugänglich, mit einer bestimmten Karte oder ohne. Und die wichtigste zuletzt: Gibt es ausserdem eine gewöhnliche Steckdose in der Garage, an der man im Notfall über Nacht ein wenig nachladen darf?
Die Antwort «wir haben zwei Punkte, beide Typ 2, ohne Reservierung» ist brauchbar, weil sie eine Planung erlaubt: Bei voller Belegung fährt man morgens zur nächsten öffentlichen Säule und hat trotzdem keine Fahrt verloren. Die Antwort «wir haben Ladestationen» erlaubt keine Planung, und deshalb ist sie nichts wert.
- Ferienwohnungen und Privatunterkünfte: Frag nach einem Foto der Dose und der Verteilung, nicht nach einer Zusage. Ein Bild beantwortet drei Fragen auf einmal.
- Klär vorher, wie der Strom abgerechnet wird. Zählerstand bei Ankunft und bei Abfahrt, von beiden Seiten notiert, erspart jede Diskussion — auch dort, wo gar keine erwartet wird.
- Tiefgaragen und Parkhäuser können eigene Regeln für Fahrzeuge mit Hochvoltbatterie haben. Sie sind Hausrecht des Betreibers, stehen in seiner Ordnung und ändern sich — nachfragen, nicht annehmen.
- Auf Campingplätzen ist Laden häufig ausdrücklich geregelt, weil die Zuleitung des Platzes begrenzt ist. Die Regel steht in der Platzordnung und wird durchgesetzt.
Den Strom von Hand kleiner stellen
Die meisten Notladekabel und viele Fahrzeuge lassen den Ladestrom einstellen. Diese Einstellung ist an einer unbekannten Installation das wichtigste Werkzeug: Ein niedrigerer Strom belastet Dose, Klemmen und Zuleitung weniger und macht den Unterschied zwischen einer Nacht ohne Aufregung und einer warmen Steckdose.
Dass man dabei kaum etwas verliert, zeigt dieselbe Multiplikation wie vorhin. Strom mal Spannung ergibt die Leistung, Leistung mal Stunden die Energie. Über eine lange Nacht bleibt auch ein vorsichtig eingestellter Strom eine brauchbare Menge — für den Tagesbedarf der meisten Reisen reicht sie.
Fass die Dose nach einer halben Stunde an. Handwarm ist normal, deutlich warm ist ein Grund, den Strom weiter zu senken, und heiss ist ein Grund, den Stecker zu ziehen und es zu lassen. Diese Prüfung kostet nichts und ersetzt jede technische Auskunft, die man ohnehin nicht bekommt.
Was in den Kofferraum gehört
Die Reiseausrüstung eines Elektroautos ist überschaubar, und sie ist an jedem Tag unbrauchbar, an dem ein Teil davon zu Hause liegt. Sie gehört deshalb dauerhaft ins Fahrzeug und nicht in den Keller.
Dazu kommt eine Information, die kein Gegenstand ist: der maximale Wechselstrom, den das Fahrzeug aufnimmt, und die Phasenzahl. Wer das nicht weiss, kann weder eine Dose beurteilen noch eine Einstellung wählen. Es steht in den Fahrzeugunterlagen und ist in zwei Minuten nachgelesen.
- Ein Typ-2-Kabel in der Ausführung, die zum Onboard-Lader passt — es ist an öffentlichen Wechselstromsäulen in Europa meist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt etwas fliesst.
- Das Notladekabel mitsamt Steuerkasten, dazu die Adaptervorsätze für die Länder der Reise und für den blauen Industriesteckverbinder.
- Eine Tasche für das schmutzige Kabel und ein Paar Handschuhe. Beides klingt nebensächlich, bis man bei Regen an einer Säule steht.
- Eine Verlängerungsschnur gehört ausdrücklich nicht dazu. Sie ist die häufigste Ursache für warme Kontakte und ersetzt kein längeres Ladekabel.
Wenn am Ziel geladen wird, ändert sich die Reise
Eine Reise, bei der jede Nacht geladen wird, braucht unterwegs nur noch die Energie für die Tagesetappe. Das ist eine andere Planung: Nicht die Reichweite des Fahrzeugs bestimmt den Tag, sondern die Strecke, die man ohnehin fahren wollte. Der Schnellladestopp wird vom Bestandteil des Plans zur Ausnahme.
Besonders deutlich wird das dort, wo die Schnellladekorridore dünn sind. In Regionen abseits der grossen Achsen, auf Inseln und in Bergtälern ist die Steckdose am Zielort nicht die Notlösung, sondern die eigentliche Infrastruktur. Wer dorthin fährt, plant die Unterkunft nach dem Anschluss und nicht umgekehrt.
Und es bleibt eine Regel für den Fall, dass am Ziel doch nichts geht: Die letzte Etappe wird nie mit dem Rest geplant, der gerade noch reicht. Wer mit ausreichender Reserve ankommt, hat am nächsten Morgen die Wahl. Wer ohne ankommt, hat sie nicht.