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Selbstbehalt in der Vollkasko: wann er sich rechnet

9 Min. Lesezeit

Der Selbstbehalt ist die einzige Stellschraube an einer Police, die sofort wirkt und keine Angabe über dich verändert. Was sie wert ist, hängt an zwei Zahlen: wie stark die Prämie sinkt und wie oft du tatsächlich einen Schaden meldest.

Was der Selbstbehalt genau ist

Der Selbstbehalt ist der Teil jedes Schadens, den du selbst trägst. Er wird nicht im Voraus bezahlt, sondern von der Leistung abgezogen: Der Versicherer rechnet den Schaden ab und überweist die Differenz, oder die Werkstatt stellt dir den Anteil direkt in Rechnung. Wird nichts gemeldet, fliesst nichts — der Selbstbehalt kostet nur dann etwas, wenn etwas passiert.

Entscheidend ist das Wort «je Ereignis». Der Selbstbehalt gilt für jeden einzelnen Schadenfall, nicht einmal im Jahr. Zwei Schäden in zwölf Monaten kosten ihn zweimal. Wer die Umstellung auf einen höheren Betrag rechnet, muss deshalb mit der erwarteten Zahl der Fälle rechnen, nicht mit der Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt etwas passiert.

Teilkasko und Vollkasko haben getrennte Selbstbehalte, und viele Policen führen für Glasbruch noch einen dritten oder verzichten dort ganz darauf. Diese Trennung ist nützlich: Die Teilkaskoschäden — Diebstahl, Hagel, Wildunfall — trifft niemand durch Fahrweise, während Kollisionsschäden von der eigenen Fahrleistung und dem eigenen Umfeld abhängen. Beide Beträge lassen sich unabhängig voneinander setzen.

Warum ein höherer Selbstbehalt die Prämie senkt

Der Nachlass ist keine Belohnung, sondern die logische Folge: Was du selbst trägst, muss der Versicherer nicht mehr einkalkulieren. Der Abschlag entspricht dem Teil des erwarteten Schadenaufwands, der unter die neue Schwelle fällt — plus den Bearbeitungskosten aller Fälle, die dadurch gar nicht mehr gemeldet werden.

Dieser zweite Teil erklärt, warum der Nachlass beim Sprung von einem sehr tiefen auf einen mittleren Selbstbehalt am grössten ist und danach schnell flacher wird. Kleine Schäden sind häufig, und jeder von ihnen verursacht Verwaltungsaufwand, der von der Schadenhöhe fast unabhängig ist. Wer diese Fälle aus dem System nimmt, spart dem Versicherer überproportional viel.

Daraus folgt eine praktische Regel: Die interessante Frage ist nicht, ob ein hoher Selbstbehalt besser ist als ein tiefer, sondern wo auf der Kurve der Nachlass aufhört, nennenswert zu wachsen. Diese Stelle findet man, indem man sich für dasselbe Fahrzeug drei oder vier Offerten mit verschiedenen Beträgen geben lässt und die Differenzen nebeneinanderlegt.

Die Rechnung

Der Vergleich zweier Varianten braucht nur drei Grössen: die jährliche Prämiendifferenz, die Differenz der beiden Selbstbehalte und die erwartete Zahl der gemeldeten Schäden pro Jahr. Die Prämiendifferenz ist ein sicherer Gewinn, der jedes Jahr anfällt. Die Selbstbehaltdifferenz ist ein möglicher Verlust, der nur im Schadenfall anfällt.

Setzt man beides gleich, ergibt sich die einzige Zahl, die man braucht: Selbstbehaltdifferenz geteilt durch Prämiendifferenz ergibt die Zahl der Jahre, die zwischen zwei Schäden liegen müssen, damit sich die Umstellung lohnt. Liegt der eigene Erfahrungswert deutlich darüber, ist der höhere Betrag richtig. Liegt er darunter, nicht.

Den eigenen Erfahrungswert schätzt man nicht aus dem Gefühl, sondern aus der Vergangenheit: Wie viele Vollkaskoschäden hast du in den letzten zehn Jahren gemeldet? Bei den meisten Fahrern ist die Antwort null oder eins, und dann fällt die Rechnung eindeutig aus. Wer dagegen in engen Innenstädten parkt, viel fährt oder mehrere Lenker auf der Police hat, kommt auf andere Zahlen — und die sind ebenso gültig.

Der zweite Effekt, der grösser ist als der erste

Die obige Rechnung unterschätzt den Vorteil eines höheren Selbstbehalts systematisch, weil sie einen Posten auslässt: die Rückstufung. Ein gemeldeter Schaden kostet nicht nur den Selbstbehalt, sondern wirft dich in der Bonusstufe zurück, und diese Rückstufung wirkt über mehrere Jahre in jede künftige Prämie hinein.

Der eigentliche Wert eines hohen Selbstbehalts liegt deshalb nicht im Nachlass, sondern in der Schwelle: Er verschiebt den Punkt, ab dem sich eine Meldung überhaupt lohnt, nach oben. Kleinschäden werden dann selbst getragen, nicht aus Disziplin, sondern weil die Rechnung so ausfällt — und die Bonusstufe bleibt, wo sie ist.

Wer diesen Effekt einpreisen will, addiert zur Selbstbehaltdifferenz die Summe der Mehrprämien, die eine Rückstufung über ihre Erholungsdauer verursacht. Die Tabelle dazu liegt jeder Police bei und ist der am seltensten gelesene Teil des Vertrags. Bei kleinen Schäden ist dieser Posten regelmässig grösser als der Schaden selbst.

Wann ein tiefer Selbstbehalt richtig bleibt

Ein Selbstbehalt ist eine Versicherung gegen die eigene Liquidität. Wer den Betrag im Ernstfall nicht ohne Weiteres aufbringen kann, kauft mit einem tiefen Selbstbehalt nicht Rendite, sondern Ruhe — und das ist ein zulässiger Grund. Die Prämiendifferenz ist der Preis dafür, und er ist bekannt.

Es gibt ausserdem Fälle, in denen die Wahl gar nicht frei ist. Leasingverträge und manche Finanzierungen schreiben Vollkasko vor und begrenzen den Selbstbehalt nach oben, weil der Vertragspartner den Wert des Fahrzeugs absichert und nicht dein Budget. Diese Obergrenze steht im Leasingvertrag, nicht in der Police, und sie gilt unabhängig davon, was rechnerisch günstiger wäre.

Ein dritter Fall wird oft übersehen: das Fahrzeug, auf das jemand angewiesen ist. Wer ohne Auto nicht zur Arbeit kommt, kauft mit einem tiefen Selbstbehalt nicht nur Geld, sondern Geschwindigkeit — eine Reparatur, die sofort freigegeben wird, statt einer Woche Überlegen, ob sich der Aufwand lohnt. Dieser Vorteil steht in keiner Rechnung und ist trotzdem echt.

  • Fahranfänger im ersten Jahr: hohe Schadenwahrscheinlichkeit, meist keine Rücklage.
  • Mehrere Lenker auf einer Police, darunter wechselnde Fahrer.
  • Fahrzeuge, die dauerhaft am Strassenrand in enger Bebauung stehen.
  • Leasing oder Finanzierung mit vorgeschriebener Obergrenze für den Selbstbehalt.

Wann ein hoher Selbstbehalt der bessere Kauf ist

Spiegelbildlich gilt: Wer den Betrag jederzeit aus einer Rücklage nehmen kann, kauft mit einem tiefen Selbstbehalt eine Versicherung gegen etwas, das ihn nicht bedroht. Das ist der klassische Fall einer Überversicherung im Kleinen — man zahlt jedes Jahr dafür, dass seltene kleine Beträge von jemand anderem übernommen werden.

Am deutlichsten ist das bei Fahrzeugen mit wenigen Jahreskilometern, festem Abstellplatz und einem einzigen erfahrenen Lenker. Dort ist die erwartete Schadenzahl klein, der Nachlass fällt trotzdem jedes Jahr an, und die Rechnung aus dem vorigen Abschnitt geht fast immer zugunsten des höheren Betrags aus.

Eine saubere Form dieser Entscheidung: die jährliche Prämiendifferenz nicht ausgeben, sondern beiseitelegen. Nach wenigen Jahren steht der höhere Selbstbehalt als Rücklage bereit, und ab dann ist der Nachlass ein echter Überschuss. Das ist dieselbe Mechanik, die eine Versicherung selbst benutzt, nur für eine einzige Police.

Die Grenze: wenn die Vollkasko selbst zur Frage wird

Mit dem Alter des Fahrzeugs verschiebt sich die Frage vom Selbstbehalt auf die Deckung. Die Kasko ersetzt höchstens den Wiederbeschaffungswert, und der sinkt mit jedem Jahr. Irgendwann liegt dieser Wert so nahe am Selbstbehalt, dass die Vollkasko im Totalschaden kaum noch etwas leistet, was man nicht selbst tragen könnte.

Dazu kommt der wirtschaftliche Totalschaden: Übersteigen die Reparaturkosten den Wiederbeschaffungswert, wird nicht repariert, sondern abgerechnet. Bei einem älteren Fahrzeug ist diese Schwelle schnell erreicht — ein Schaden an der Front kann sie allein durch die verbaute Sensorik überschreiten. Wer das weiss, rechnet die Vollkasko nicht gegen die Reparaturkosten, sondern gegen den Fahrzeugwert.

Der Übergang ist selten ein klarer Termin. Praktisch prüft man ihn einmal im Jahr mit zwei Zahlen: dem Preis, den vergleichbare Fahrzeuge aktuell erzielen, und der Summe aus Vollkaskoprämie und Selbstbehalt. Nähern sich beide an, ist die Teilkasko mit einem massvollen Selbstbehalt meist die passendere Deckung — Diebstahl, Hagel und Glasbruch bleiben gedeckt, und das sind die Fälle, die man nicht selbst verursacht.

Was vor der Umstellung zu prüfen ist

Eine Änderung des Selbstbehalts ist bei den meisten Gesellschaften auf den nächsten Hauptverfall möglich, manchmal auch unterjährig. Sie ändert nichts an deiner Einstufung und nichts an den übrigen Merkmalen — das macht sie zum ungefährlichsten Eingriff in eine Police.

Vor der Umstellung lohnt ein Blick auf die Punkte unten. Sie sind der Unterschied zwischen einer Entscheidung, die man einmal trifft, und einer, die man im Schadenfall bereut.

  • Sind die Selbstbehalte für Teil- und Vollkasko wirklich getrennt einstellbar?
  • Gilt für Glasbruch ein eigener, tieferer Betrag oder gar keiner?
  • Schreibt ein Leasing- oder Kreditvertrag eine Obergrenze vor?
  • Wie lange dauert die Erholung nach einer Rückstufung, und wie sieht die Stufentabelle aus?
  • Gibt es einen Bonusschutz, und was kostet er im Vergleich zur eingesparten Prämie?
  • Steht der Betrag, den du künftig selbst tragen willst, tatsächlich verfügbar auf einem Konto?

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