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Serviceheft lesen: was die Stempel verraten

9 Min. Lesezeit

«Scheckheftgepflegt» steht in fast jedem zweiten Inserat und heisst für sich genommen wenig. Interessant wird das Heft erst, wenn man die Einträge gegeneinander hält — und wenn man weiss, welche Arbeiten dort grundsätzlich nicht stehen.

Was ein Stempel bezeichnet

Ein Stempel im Serviceheft sagt: An diesem Datum, bei diesem Kilometerstand, hat dieser Betrieb einen Auftrag nach dem Wartungsplan des Herstellers geöffnet. Er sagt nicht, welche Teile ersetzt wurden, ob eine empfohlene Arbeit abgelehnt wurde und ob der Betrieb gefundene Mängel notiert und der Kunde sie hat liegen lassen. Diese Auskünfte stehen auf der Rechnung, nicht im Heft.

Deshalb ist die Frage nach den Rechnungen keine Schikane, sondern die eigentliche Frage. Ein Heft mit lückenloser Stempelreihe und ohne eine einzige Rechnung ist weniger wert als ein Heft mit zwei fehlenden Stempeln und einem Ordner voller Belege. Der Ordner zeigt, was tatsächlich am Fahrzeug gemacht wurde; das Heft zeigt nur, dass jemand da war.

Rechnungen lesen sich schnell, wenn man weiss, worauf man sieht: das Datum, den Kilometerstand, die Positionen mit Teilenummern und den Vermerk über abgelehnte Arbeiten. Der letzte Punkt ist der wertvollste. Eine Zeile «Bremsscheiben hinten verschlissen, Kunde wünscht keine Ausführung» vom vorletzten Service sagt dir mehr über das Fahrzeug und über seinen Halter als jeder Stempel.

Die drei Zahlen jedes Eintrags

Jeder Eintrag trägt Datum, Kilometerstand und Betrieb. Aus diesen drei Angaben lässt sich mehr ableiten, als die meisten Käufer nutzen. Schreib die Einträge untereinander auf ein Blatt und rechne die Abstände aus: Wie viele Kilometer und wie viele Monate liegen jeweils zwischen zwei Terminen?

Die Kilometerkurve muss steigen und darf keine Sprünge nach unten machen — das ist der bekannte Test. Die Monatsabstände sind weniger bekannt und mindestens ebenso aufschlussreich. Ein Fahrzeug, das jahrelang zweimal im Jahr in der Werkstatt war und dann drei Jahre gar nicht, wurde in dieser Zeit entweder kaum gefahren oder anderswo betreut. Beides hat eine Erklärung, und beide Erklärungen sollte der Verkäufer kennen.

Der Name des Betriebs ist die dritte Spur. Wechselt er regelmässig, heisst das nichts Schlimmes; ein Halter zieht um oder findet einen günstigeren Betrieb. Wechselt er bei jedem Termin, und liegen die Betriebe weit auseinander, lohnt die Frage, in welcher Region das Fahrzeug eigentlich gelebt hat — für die Korrosion macht das einen Unterschied.

Festes Intervall, variables Intervall

Hersteller schreiben den Service entweder nach festen Abständen vor — nach Kilometern oder nach Zeit, je nachdem was zuerst eintritt — oder sie lassen das Fahrzeug selbst rechnen. Bei der zweiten Variante ermittelt ein Algorithmus aus Fahrprofil, Ölstandzeit, Kaltstartanteil und Drehzahlkollektiv den nächsten Termin und zeigt ihn im Kombiinstrument an. Beide Verfahren sind in Ordnung, aber sie erzeugen ganz verschiedene Hefte.

Beim variablen Intervall können zwischen zwei Einträgen scheinbar unmögliche Abstände stehen. Das ist kein Warnzeichen, solange das Fahrzeug überwiegend lange Strecken gefahren ist. Es ist eines, wenn dasselbe Fahrzeug im Stadtverkehr mit Kurzstrecken bewegt wurde: Dann liefen die Intervalle im Zweifel zu lang, und das Öl war am Ende eher Träger von Kraftstoffanteilen als Schmierstoff.

Sieh deshalb auch auf die Ölspezifikation auf der Rechnung. Moderne Motoren mit Partikelfilter verlangen aschearme Öle nach einer bestimmten Freigabe; ein billiges Öl der falschen Spezifikation setzt den Filter schneller zu und ist an der Zapfsäule gespart und in der Werkstatt bezahlt. Die Freigabe steht als Kürzel auf der Rechnung, und der Betrieb nennt sie dir am Telefon.

Was im Serviceplan nicht steht

Die teuersten Wartungsposten sind selten Teil des regulären Service, sondern eigene Positionen mit eigenen Intervallen. Wer nur auf die Stempel sieht, übersieht genau die Arbeiten, deren Unterlassen richtig Geld kostet. Frag zu jedem dieser Punkte, ob und wann er gemacht wurde, und lass dir die Rechnung zeigen.

Eine Faustregel hilft beim Priorisieren: Was nach Jahren fällig wird, wird bei wenig gefahrenen Fahrzeugen am häufigsten übersehen, weil der Kilometerstand niedrig aussieht und beruhigt. Zahnriemen, Bremsflüssigkeit und Kühlmittel altern im Stand genauso wie in Bewegung, und ihr Versagen hängt nicht daran, wie weit das Fahrzeug gekommen ist.

  • Zahnriemen mit Spann- und Umlenkrollen, bei vielen Motoren zusammen mit der Wasserpumpe. Intervall nach Kilometern und nach Jahren.
  • Bremsflüssigkeit. Sie zieht Wasser, und der Wechsel hängt an der Zeit, nicht an der Fahrleistung.
  • Getriebeöl bei Automatikgetrieben, sofern der Hersteller einen Wechsel vorsieht — bei manchen Getrieben tut er das ausdrücklich nicht.
  • Kühlmittel, Haldex- oder Allradkupplungsöl, Differenzialöl. Bei Allradfahrzeugen der am häufigsten vergessene Posten.
  • Zündkerzen bei Benzinern, Kraftstofffilter bei Dieseln, Innenraumfilter — klein im Preis, aber ein Hinweis auf die Sorgfalt.
  • Klimaservice mit Trockner. Eine Anlage, die nie gewartet wurde, fällt nicht plötzlich aus, sondern wird über Jahre schwächer.

Das digitale Serviceheft

Mehrere Hersteller führen die Wartungshistorie seit Jahren zentral und nicht mehr auf Papier. Der Betrieb trägt den Service in das System des Herstellers ein, verknüpft mit der Fahrgestellnummer; ein gedrucktes Heft liegt dann entweder gar nicht bei oder ist leer, obwohl die Historie vollständig ist. Das Fehlen eines Heftes ist bei solchen Fahrzeugen kein Mangel, sondern die Regel.

Der Ausdruck aus diesem System ist die beste Unterlage, die es gibt: Er kommt nicht vom Verkäufer, er hängt an der Fahrgestellnummer und er lässt sich nicht mit einem Stempelkissen herstellen. Jede Vertragswerkstatt der Marke kann ihn erzeugen; verlangt wird dafür in der Regel die Zustimmung des Halters. Ein Verkäufer, der ernsthaft verkaufen will, besorgt ihn.

Bei einem Fahrzeug, das bei freien Betrieben gewartet wurde, steht im System des Herstellers wenig oder nichts — auch das ist kein Mangel, sondern die Folge der Werkstattwahl. Dann zählen wieder die Rechnungen. Wichtig ist nur, dass du weisst, welcher der beiden Fälle vorliegt, bevor du aus einem leeren Heft einen Schluss ziehst.

Wenn Stempel fehlen oder nicht stimmen

Eine Lücke ist zunächst nur eine Lücke. Häufige und harmlose Gründe: Das Fahrzeug stand ein Jahr, es wurde in dieser Zeit bei einem Betrieb ohne Stempel betreut, oder der Halter hat den Ölwechsel selbst gemacht — bei älteren Fahrzeugen keine Seltenheit. Unerklärte Lücken sind etwas anderes, und sie gehören in die Preisverhandlung.

Gefälscht wird das Heft fast immer zusammen mit dem Kilometerstand, und dann meist schlecht. Die Merkmale sind schnell aufgezählt: alle Stempel derselben Farbe und im selben Winkel, Handschrift über mehrere Jahre identisch, ein Stempel ohne Adresse und Telefonnummer, ein Betrieb, den es nicht gibt oder der die Marke nie geführt hat, und ein Heft, das aussieht, als hätte es nie in einem Handschuhfach gelegen.

Der wirksamste Test kostet ein Telefonat. Ruf einen der eingetragenen Betriebe an, nenne die Fahrgestellnummer und frag, ob das Fahrzeug dort in Behandlung war. Ein Betrieb wird dir aus Datenschutzgründen keine Details nennen, aber ob eine Nummer im System steht, beantwortet er meistens. Ein Nein an dieser Stelle beendet den Termin, nicht die Verhandlung.

Vertragswerkstatt oder freier Betrieb

Für die Substanz des Fahrzeugs ist es gleichgültig, wer den Service gemacht hat, solange er nach Vorgabe und mit passenden Teilen und Betriebsstoffen gemacht wurde. Für den Preis ist es das nicht: Eine lückenlose Historie beim Vertragspartner bringt am Markt mehr, besonders bei jüngeren Fahrzeugen, und sie ist Voraussetzung für manche Garantieprogramme des Herstellers.

Relevant wird der Unterschied ausserdem bei Kulanz. Ein Hersteller, der sich an einem Schaden jenseits der Garantie beteiligt, sieht auf die Historie in seinem eigenen System. Fehlt sie dort, ist der Anspruch nicht kleiner — es gab nie einen —, aber die Chance auf eine Beteiligung ist es.

Bei einem Fahrzeug jenseits von etwa sieben Jahren spielt das kaum noch eine Rolle. Dann zählt nur noch, ob die Arbeiten gemacht wurden, und ein freier Betrieb mit Rechnungen und Teilenummern ist genauso gut belegt wie ein Stempel.

Was du aus einem lückenhaften Heft machst

Ein Fahrzeug ohne belegbare Wartung ist nicht unverkäuflich, sondern anders zu bewerten: Du kaufst es mit der Annahme, dass die zeitabhängigen Posten fällig sind. Das lässt sich beziffern — hol vor dem Termin eine Offerte für Zahnriemen, Bremsflüssigkeit, Getriebeöl und einen vollen Service an diesem Motor ein und verhandle mit dieser Summe statt mit dem Eindruck.

Nach dem Kauf beginnt die Historie dann bei dir. Der sinnvolle Weg ist ein Grundservice in den ersten Wochen, bei dem alle Betriebsstoffe erneuert werden, deren Alter unbekannt ist, und ein schriftlicher Befund zum Zustand von Bremsen, Fahrwerk und Auspuff. Das kostet einmal und ersetzt danach jedes Rätselraten.

  • Öl und Ölfilter, unabhängig davon, was der Verkäufer sagt.
  • Bremsflüssigkeit, wenn kein Beleg der letzten Jahre vorliegt.
  • Zahnriemen, wenn er nach Alter oder Laufleistung fällig sein könnte und keine Rechnung existiert.
  • Kraftstofffilter beim Diesel, Zündkerzen beim Benziner, Innenraum- und Luftfilter.
  • Fehlerspeicher auslesen und den Ausdruck aufheben — er ist der Nullpunkt für alles, was danach kommt.

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