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Unterwegs

Unfall im Ausland: der Europäische Unfallbericht und die Fotos

10 Min. Lesezeit

Der Europäische Unfallbericht ist das wirksamste Stück Papier im Handschuhfach — und das am häufigsten falsch ausgefüllte. Er ist eine gemeinsame Tatsachenaufnahme, kein Schuldeingeständnis, und er ersetzt keine einzige Fotografie.

Die Reihenfolge, bevor jemand ein Formular ausfüllt

Sichern, Menschen, Notruf, dann Dokumentation — in dieser Reihenfolge und ohne Ausnahme. Warnblinker, Warnweste vor dem Aussteigen, Absicherung entsprechend der Strasse, und die Insassen aus dem Gefahrenbereich. Erst wenn niemand mehr in Gefahr ist, geht es um Beweise.

Die Fahrzeuge bleiben stehen, wo sie stehen, bis fotografiert ist — es sei denn, sie blockieren den Verkehr oder es besteht Gefahr. Dann räumt man, aber nicht kommentarlos: Fotografier zuerst von dort, wo du stehst, auch schlecht, auch mit zitternden Händen. Ein schlechtes Foto der Endlage ist unendlich viel mehr wert als ein gutes Foto der geräumten Strasse.

Erst danach kommt das Formular. Es entsteht in Ruhe, im Stehen an der Motorhaube oder im Auto hinter der Leitplanke, und nicht im Verkehr. Wer die Reihenfolge umdreht, hat am Ende ein sauber ausgefülltes Papier über eine Situation, die niemand mehr rekonstruieren kann.

Was der Europäische Unfallbericht ist und was nicht

Es handelt sich um ein standardisiertes Formular, dessen Aufbau in den beteiligten Ländern identisch ist: dieselben Felder, dieselbe Nummerierung, dieselbe Anordnung — nur in der jeweiligen Landessprache. Daraus folgt der eigentliche Zweck: Ein Schweizer und ein spanisches Exemplar lassen sich Feld für Feld gegeneinander lesen, auch wenn keiner der beiden Beteiligten die Sprache des anderen spricht.

Es ist eine gemeinsame Aufnahme von Tatsachen und kein Schuldanerkenntnis. Die Unterschrift bestätigt, dass die eingetragenen Angaben den Hergang beschreiben, und sie entscheidet nicht über Haftung; das Formular sagt das selbst. Wer aus Angst vor einem Eingeständnis nicht unterschreibt, entzieht sich nicht der Haftung, sondern nur der gemeinsamen Beschreibung — und die fehlt dann beiden.

Besorgen muss man das Formular vor der Reise, beim eigenen Versicherer. Im Auto liegt es zusammen mit einem Stift, der schreibt, und es lohnt sich, es einmal zu Hause in Ruhe durchzulesen. Ein Formular, das man zum ersten Mal am Unfallort liest, ist ein Formular, das man falsch ausfüllt.

Die Felder, an denen es schiefgeht

Die Umstände werden in einer Spalte angekreuzt, und daneben steht ein kleines Feld für die Anzahl der gesetzten Kreuze. Dieses Feld ist kein Formalismus: Es ist der Grund, warum nachträglich kein Kreuz mehr dazukommen kann. Wer die Zahl nicht einträgt, gibt genau diese Sicherheit auf.

Die Skizze wird von beiden gemeinsam gezeichnet und enthält vier Dinge: Strassenverlauf mit Fahrstreifen, die Fahrtrichtung beider Fahrzeuge mit Pfeilen, die Endlage, und die Lage der Verkehrszeichen oder Ampeln. Ein Nordpfeil oder ein Ortsname hilft später. Was in der Skizze fehlt, ergänzt keine Erinnerung.

Zwei Felder werden regelmässig verwechselt: die Stelle des ersten Anstosses — ein Pfeil auf der Fahrzeugskizze — und der sichtbare Schaden. Sie sind nicht dasselbe, und ein Sachverständiger liest beide getrennt. Und schliesslich das Bemerkungsfeld: Dort gehört hinein, was du anders siehst als die Gegenseite. Es ist der Ort für den Widerspruch, und es ist besser als eine verweigerte Unterschrift.

  • Namen und Kontaktdaten von Zeugen, und zwar bevor sie weiterfahren. Ein Zeuge ohne Telefonnummer ist kein Zeuge.
  • Beide unterschreiben, beide behalten ein Exemplar. Nach der Unterschrift ändert niemand mehr etwas an seinem Blatt.
  • Was dir erst später einfällt, kommt in eine eigene schriftliche Erklärung mit Datum — nicht in den bereits unterschriebenen Bericht.
  • Unterschreib nichts, was du nicht liest. Ein anderssprachiges Exemplar hat dieselbe Feldnummerierung wie deines; vergleich Nummer für Nummer.

Warum die Fotos mehr wiegen als das Formular

Ein Formular hält fest, worauf sich zwei Menschen unter Druck geeinigt haben. Eine Fotografie hält fest, was da war. Wenn sich die Darstellungen später widersprechen — und das kommt häufig vor, sobald ein Versicherer mitliest —, rekonstruiert ein Sachverständiger den Hergang aus Positionen, Spuren, Splitterfeldern und der Geometrie der Schäden. Das alles lebt in den Bildern und in nichts sonst.

Fotografiere in zwei Durchgängen. Der erste ist der weite: von vier Seiten so, dass beide Fahrzeuge, die Fahrbahn und der Hintergrund zusammen im Bild sind. Diese Bilder wirken im Moment nutzlos und sind später die wichtigsten, weil nur sie zeigen, wo alles zueinander stand.

Der zweite Durchgang ist der nahe. Und dabei gilt eine einfache Regel: lieber dreissig Fotos zu viel als eines zu wenig. Ein Bild, das du nicht gemacht hast, lässt sich in keinem Verfahren nachholen.

  • Beide Kennzeichen, und zwar lesbar — nicht schräg, nicht im Gegenlicht.
  • Jeder Schaden aus zwei Abständen, mit einem Gegenstand im Bild, der die Grösse zeigt.
  • Bremsspuren, Splitter, Flüssigkeitsspuren und Abriebspuren auf dem Asphalt — sie verschwinden innerhalb von Stunden.
  • Verkehrszeichen, Markierungen und Ampeln aus der Sicht des Fahrersitzes, nicht von der Seite.
  • Wetter, Lichtverhältnisse und Strassenzustand — ein Bild, das nass oder trocken, hell oder dunkel zeigt.
  • Der eigene Kilometerzähler, und die Uhrzeit, die das Telefon ohnehin mitschreibt.

Die Papiere der Gegenseite

Fotografier die Dokumente, statt Nummern abzuschreiben. Beim Abschreiben entstehen Zahlendreher, und ein Zahlendreher in einer Policennummer kostet Wochen. Gebraucht werden: Versicherer und Policennummer, Zulassungsdokument, Führerausweis, und der Nachweis, der im internationalen Verkehr die Deckung bestätigt.

Achte auf eine Abweichung, die regelmässig für Ärger sorgt: Fahrer und Halter sind nicht dieselbe Person, oder das Fahrzeug läuft auf eine Firma, eine Leasinggesellschaft oder einen Mietwagenanbieter. Notier in diesem Fall beide Namen und die Beziehung, so wie sie dir genannt wird.

Kann oder will die Gegenseite keinen Versicherungsnachweis vorlegen, ändert sich die Lage: Dann wird das polizeiliche Protokoll zum wichtigsten Dokument des Vorgangs, und man besteht darauf, auch wenn nur Blechschaden vorliegt.

Polizei: wann sie kommen muss und wann sie nicht kommt

Hier unterscheiden sich die Länder tatsächlich, und zwar erheblich. In manchen ist bei jedem Sachschaden eine polizeiliche Aufnahme vorgesehen; in anderen rückt die Polizei zu einem reinen Blechschaden grundsätzlich nicht aus, und man wird an ein Formular verwiesen. Was gilt, sagt die örtliche Notrufnummer, nicht die Gewohnheit von zu Hause.

Kommt die Polizei nicht, notier trotzdem, dass du angerufen hast, wann, unter welcher Nummer und was dir gesagt wurde. Diese Notiz ist später der Beleg dafür, dass keine Meldepflicht verletzt wurde — und sie kostet dreissig Sekunden.

  • Verletzte, und sei es nur mutmasslich: immer Notruf, immer Polizei.
  • Der Hergang ist strittig oder die Gegenseite will keinen Bericht ausfüllen.
  • Verdacht auf Alkohol oder Drogen, oder jemand entfernt sich vom Unfallort.
  • Beteiligung eines Fahrzeugs mit ausländischem Kennzeichen, eines Mietwagens oder eines Firmenfahrzeugs ohne greifbaren Halter.
  • Schaden an einer fremden Sache ohne anwesenden Eigentümer — Leitplanke, Zaun, geparktes Fahrzeug.

Wie ein Auslandschaden abgewickelt wird

Für Schäden, die ein Fahrzeug aus einem anderen Staat verursacht hat, existiert im europäischen Rahmen ein Weg, der ohne Reise und ohne fremdsprachigen Schriftverkehr auskommt. Der ausländische Versicherer benennt in jedem beteiligten Staat einen Schadenregulierungsbeauftragten, an den sich ein Geschädigter in der eigenen Sprache und im eigenen Land wenden kann.

Wer zu einem ausländischen Kennzeichen den Versicherer sucht, fragt bei der nationalen Auskunftsstelle an, die genau dafür eingerichtet ist. Bleibt der Verursacher unbekannt oder war er nicht versichert, existiert daneben eine Entschädigungsstelle beziehungsweise ein Garantiefonds. Welche Stelle im eigenen Land zuständig ist, welche Fristen sie nennt und welche Angaben sie braucht, veröffentlichen diese Stellen selbst — dort holt man es, und nicht aus zweiter Hand.

Die Schweiz ist nicht Teil des EU-Rechtsrahmens, nimmt aber am internationalen System der Grünen Karte teil. Was für eine konkrete Reise gilt, steht auf der Bestätigung des eigenen Versicherers, und genau diese Bestätigung gehört vor der Abfahrt ins Fahrzeug.

Nach der Rückkehr

Meld den Vorfall dem eigenen Versicherer umgehend, auch wenn du nicht schuld bist und auch wenn du vorhast, den eigenen Schaden selbst zu tragen. Eine verspätete Meldung ist ein eigenständiges Problem, unabhängig davon, wie der Hergang war. Die Meldung ist keine Entscheidung darüber, ob du einen Anspruch stellst.

Lass das Fahrzeug nicht reparieren, bevor der Schaden besichtigt oder freigegeben ist, und lass dir einen schriftlichen Kostenvoranschlag erstellen. Wer zuerst repariert, hat wieder das Beweisstück entfernt — dieselbe Reihenfolge, derselbe Fehler wie bei einem Mangel nach dem Kauf.

Und leg alles in einen einzigen Ordner: den Unfallbericht, die Fotos, die polizeiliche Aktennummer, die Belege für Abschleppen, Mietwagen und Unterkunft, die Kontaktdaten der Zeugen. Ein vollständiger Ordner verkürzt die Abwicklung mehr als jeder Anruf.

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