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Technik

AdBlue: was das System braucht und was es lahmlegt

7 Min. Lesezeit

Moderne Diesel brauchen neben dem Kraftstoff eine zweite Flüssigkeit, und wenn die fehlt oder das System dahinter streikt, springt der Motor irgendwann nicht mehr an. Wer weiss, wie die Anlage arbeitet, erkennt die Warnzeichen früh — beim eigenen Auto wie beim Gebrauchten.

Wozu ein Diesel Harnstoff braucht

Ein Dieselmotor verbrennt mit viel Luftüberschuss und bei hohen Temperaturen. Dabei entstehen Stickoxide, und die lassen sich im sauerstoffreichen Dieselabgas mit einem gewöhnlichen Katalysator nicht abbauen. Die Lösung bei den meisten neueren Diesel-Pkw ist die selektive katalytische Reduktion, kurz SCR: Vor einem eigenen Katalysator wird eine wässrige Harnstofflösung ins heisse Abgas gesprüht.

In der Hitze zerfällt der Harnstoff zu Ammoniak, und das Ammoniak reagiert im SCR-Katalysator mit den Stickoxiden zu Stickstoff und Wasser. Überwacht wird das mit Stickoxidsensoren, bei vielen Systemen einem vor und einem hinter dem Katalysator. Aus ihren Werten rechnet das Steuergerät, wie viel es einspritzen muss und ob die Anlage wirkt.

AdBlue ist ein Markenname für diese Lösung; genormt ist sie als AUS 32 nach ISO 22241. Sie besteht aus hochreinem Harnstoff und entmineralisiertem Wasser, brennt nicht, greift aber manche Metalle an und hinterlässt beim Eintrocknen weisse Kristalle. Diese beiden Eigenschaften erklären einen grossen Teil der typischen Fehler.

Die SCR-Anlage ist neben dem Partikelfilter der zweite Teil der Abgasnachbehandlung; bei manchen Motoren sind beide sogar in einem Bauteil vereint. Sie arbeitet aber nach einer anderen Logik: Der Filter sammelt und brennt frei, die SCR-Anlage dosiert laufend. Deshalb sind auch ihre Fehler andere.

Tank, Pumpe, Heizung, Düse

Der Tank sitzt meist in der Nähe des Kraftstofftanks oder unter dem Kofferraumboden, der Einfüllstutzen mit blauem Deckel neben dem Dieselstutzen, bei älteren Modellen auch im Kofferraum oder im Motorraum. Im Tank steckt eine Einheit aus Pumpe, Füllstandsgeber, Heizung und oft einem Sensor, der die Qualität der Flüssigkeit misst. Von dort führt eine beheizte Leitung zur Düse im Abgasstrang.

Weil die Lösung bei rund minus elf Grad gefriert, ist beheizt, was Flüssigkeit führt. Gefrieren an sich ist vorgesehen und schadet nicht: Nach dem Start taut die Heizung einen Vorrat auf, und nach dem Abstellen pumpen viele Systeme die Leitung leer, damit darin nichts einfriert. Das Summen, das man nach dem Abschliessen unter dem Wagen hört, ist deshalb meist kein Fehler. Fällt aber eine Heizung aus, meldet sich das typischerweise im ersten kalten Winter und nicht vorher. Die typischen Schwachstellen der Reihe nach:

  • Pumpe: fördert nicht oder nicht genug Druck, oft zusammen mit Kristallen im Tank.
  • Heizung in Tank oder Leitung: fällt aus, der Fehler zeigt sich bei Frost.
  • Düse: tropft oder verkrustet, die Menge stimmt nicht mehr.
  • Stickoxidsensoren: melden unplausible Werte; sie gehören zu den häufigsten Einzelursachen einer SCR-Warnung.
  • Qualitätssensor: erkennt verdünnte oder falsche Flüssigkeit — oder meldet sich selbst als defekt.

Kristalle und woher sie kommen

Wo AdBlue an die Luft kommt und das Wasser verdunstet, bleibt Harnstoff als weisse, harte Kruste zurück. Das ist harmlos, wenn es am Einfüllstutzen nach dem Nachfüllen passiert, und ein Hinweis, wenn es an einer Leitungsverbindung, am Tankmodul oder an der Halterung der Düse auftaucht: Dort tritt Flüssigkeit aus, wo sie nicht hingehört.

Die zweite Quelle liegt im Abgasrohr. Harnstoff zerfällt nur dann sauber, wenn das Abgas heiss genug ist. Die Steuerung dosiert deshalb erst ab einer Mindesttemperatur; im Grenzbereich, bei viel Kurzstrecke und bei einer Düse, die nicht mehr fein sprüht, bilden sich trotzdem Ablagerungen an der Rohrwand und am Mischer hinter der Düse. Sie wachsen langsam, verengen den Querschnitt und stören die Verteilung, bis die Sensoren eine zu geringe Wirkung melden.

Das ist dasselbe Muster wie beim Partikelfilter: Ein Diesel, der nur kurz und kalt gefahren wird, erreicht die Temperaturen nicht, für die seine Abgasanlage gebaut ist. Regelmässige längere Fahrten beugen vor; Kristalle, die schon festsitzen, lösen sie meist nicht mehr. Dann muss die Werkstatt Düse und Rohr reinigen oder tauschen.

Die dritte Quelle ist die Flüssigkeit selbst. AdBlue altert, besonders bei Wärme, und verunreinigte oder verdünnte Lösung kristallisiert leichter und setzt Filter und Düse zu. Deshalb kommt nur frische Ware aus einem geschlossenen Gebinde in den Tank.

Die Warnung und die Startsperre

Die Abgasvorschriften verlangen, dass ein Diesel mit SCR nicht dauerhaft ohne funktionierende Anlage fährt. Bei Pkw lösen die Hersteller das mit einem Stufenplan: Sinkt der Vorrat, erscheint zuerst ein Hinweis mit der Restreichweite, dann eine deutlichere Warnung. Ist der Tank leer, läuft der Motor weiter, bis du ihn abstellst, springt danach aber nicht mehr an. Mitten auf der Autobahn bleibt also niemand stehen — an einer Raststätte ohne AdBlue unter Umständen schon.

Dieselbe Sperre greift nicht nur bei leerem Tank. Erkennt die Anlage einen Fehler, der die Reinigung verhindert — eine Pumpe, die nicht fördert, eine Düse, die nicht dosiert, falsche Flüssigkeit im Tank, ein unplausibler Sensorwert —, beginnt ebenfalls ein Countdown in Kilometern. Diese Warnung verschwindet nicht durch Nachfüllen, und sie ist der Grund, warum eine SCR-Meldung kein Hinweis für später ist.

Die richtige Reaktion hängt davon ab, was die Meldung sagt. Geht es um den Füllstand, füllst du nach, bevor die Reichweite abgelaufen ist. Geht es um das System, brauchst du einen Werkstatttermin, solange der Countdown noch läuft, und nicht erst, wenn der Wagen auf dem Parkplatz steht und nur noch abgeschleppt werden kann. Wie viele Kilometer bleiben, zeigt das Kombiinstrument; die Stufen und Texte deines Modells beschreibt die Betriebsanleitung.

Nach dem Nachfüllen eines ganz leeren Tanks verlangen viele Modelle eine Mindestmenge und etwas Zeit mit eingeschalteter Zündung, bis der neue Stand erkannt und der Start wieder freigegeben ist. Wer einen Kanister dabeihat, sollte also nicht nur einen Schluck einfüllen.

Nachfüllen: was hinein darf und was nicht

In den Tank gehört AdBlue oder eine andere Lösung nach ISO 22241, sonst nichts. Kein Leitungswasser zum Strecken — die Mineralien darin lagern sich ab und schädigen Pumpe und Düse, und die Verdünnung erkennt der Qualitätssensor ohnehin. Keine Zusätze, keine Reste aus einem angebrochenen Kanister unbekannter Herkunft, kein Trichter, der vorher für Öl oder Scheibenwaschmittel benutzt wurde.

Der teuerste Fehler ist die Verwechslung. AdBlue im Dieseltank schädigt die Einspritzanlage, Diesel im AdBlue-Tank das SCR-System. In beiden Fällen gilt dasselbe: Motor nicht starten, am besten nicht einmal die Zündung einschalten, und das Fahrzeug in eine Werkstatt bringen lassen, die den Tank leert und das System spült. Jede Minute, in der die falsche Flüssigkeit umgepumpt wird, vergrössert den Schaden.

Viele Tankstellen haben Zapfsäulen für AdBlue mit einer Pistole für Pkw; sonst füllst du aus Flaschen oder Kanistern mit passendem Ausgiessstutzen, der ein Überlaufen verhindert. Kaufe keine grossen Vorräte: Die Lösung hält sich nur begrenzt, und je wärmer sie lagert, desto kürzer. Im Kofferraum im Sommer ist sie am falschen Ort. Und wenn doch etwas danebengeht, wischst du es feucht auf, bevor es kristallisiert.

Wie viel ein Motor verbraucht, hängt von Motor, Last und Fahrweise ab; eine Faustregel hilft wenig. Verlässlicher ist die Restreichweite im Kombiinstrument, beobachtet über einige Wochen. Ein plötzlich deutlich höherer Verbrauch ohne geänderte Fahrweise gehört in die Werkstatt — ein Verbrauch nahe null bei einem Diesel, der die Anlage hat, ebenfalls.

Beim Gebrauchtkauf

Beim gebrauchten Diesel mit SCR sind drei Dinge zu klären: ob die Anlage im Moment fehlerfrei arbeitet, ob sie in der Vergangenheit Probleme hatte, und ob sie noch im Originalzustand ist. Das erste zeigt eine Probefahrt, die lang genug ist, dass das Abgas richtig heiss wird, und danach eine Diagnose, die auch die Einträge des Abgassystems liest. Gespeicherte Fehler ohne aktive Warnung sind dabei der interessantere Teil.

Das zweite zeigen die Rechnungen: getauschte Stickoxidsensoren, eine neue Düse, ein Tankmodul, eine Reinigung des Abgasrohrs. Ein einmaliger Tausch ist normal. Mehrere Arbeiten an derselben Stelle in kurzer Folge deuten auf eine Ursache, die nie gefunden wurde, oft ein Fahrprofil mit viel Kurzstrecke. Frag auch nach Software-Aktionen des Herstellers zum Abgassystem; eine Markenwerkstatt kann offene Aktionen über die Fahrgestellnummer nennen.

Das dritte ist heikler. Es gibt Geräte und Software, die die SCR-Anlage stilllegen und dem Steuergerät eine funktionierende Anlage vorspielen. Solche Eingriffe sind im Strassenverkehr nicht zulässig, und wer ein so verändertes Fahrzeug kauft, übernimmt das Problem mit, spätestens bei einer Prüfung oder Kontrolle; welche Folgen das hat, regelt das jeweilige Land. Hinweise sind ein AdBlue-Stand, der sich über Monate nicht bewegt, nachträglich eingesetzte Kästchen oder Stecker am Kabelbaum der Sensoren und ein Verkäufer, der erzählt, mit AdBlue habe er «keine Probleme mehr».

Sieh dir ausserdem die Umgebung von Einfüllstutzen, Tankmodul und Düse an: Weisse Krusten an Verbindungen sind ein Leck. Und frag nicht nur nach Warnleuchten, sondern nach Meldungen — eine SCR-Warnung erscheint oft als Text im Display. Auf Carvexia gehört die Frage «Leuchtet im Cockpit eine Warnleuchte?» zur Selbstauskunft; die Antwort ist eine Angabe des Verkäufers, nicht geprüft, und ersetzt weder das Auslesen noch den eigenen Blick aufs Display bei laufendem Motor.

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